Magersucht-1. Teil

Magersucht- eine tödliche Abwärtsspirale

Wie ich in die Magersucht geriet

"Ich schreibe dies als junge, selbstbestimmte Frau. Welche von außen betrachtet sicherlich nicht als normal gilt. Auch meine Teenagerzeit war alles andere als normal, wobei man sich bei den heutigen Verhältnissen, wo jeder nach den „Extremen“ strebt, jeder zweite Jugendliche einen Psychologen besucht, und Frauen mit Größe 38-40 als Plus-Size Models arbeiten, fragt, wer denn überhaupt noch die Stärke hat „normal“ zu sein.  
Ich rauche nicht, trinke nicht. Habe ich auch nie…ich mache Krafttraining und habe einen wunderbaren Freund in den ich seit etwas mehr als 1,5 Jahren unsterblich verliebt bin und der mich immer wieder zum Lachen bringt. Mit dem ich stundenlang Serien gucke und zusammen trainiere und dann wir uns gemeinsam den Bauch vollschlagen. Doch das war nicht immer so.
Diese Story fängt jetzt nicht wie die unzähligen Youtubefilme die man mittlerweile zu dem Thema findet mit :“ Ich hatte eine tolle Kindheit und war so ein glückliches Kind“ an. Es geht hier auch nicht darum wer die Kaputteste ist, wer seinen Körper am meißten gepeinigt hat. Das hier bekommt kein „Trigger warning“ und wird nicht an „Ana“ adressiert, weil ich dagegen bin einer schrecklich vernichtenden Krankheit, welche es sich aus mir unbegreiflichen Gründen erlaubt hat, mir meine Persönlichkeit und meine Freiheit und Unbedarftheit zu rauben,  Kosenamen zu geben oder darum eine Art social-media Paralleluniversum aufzubauen. 
Im Folgenden schildere ich die Abgründe meines bisherigen Lebens, eine Zeit, in deren Gefühle und Denkweisen ich mich teilweise nur noch schwer hineinfinden kann, auch wenn die Anorexie in bestimmten Teilen ganz selten noch in meinen Alltag eingreift. Denn das Wichtigste zuerst : Ich hab es geschafft. Und ich trage diesen Sieg mit Stolz, doch mein Gehirn hat die Momente des Wahns, der Angst und der Trauer weit, weit verdrängt. Ich denke das ist ein guter Mechanismus. Schließlich möchte man nie wieder zu diesem bemitleidenswerten, egozentrischen, wahnhaften, lügnerischen, und nicht die Gaben die man bei seiner Geburt erhalten hat schätzenden Menschen werden, der man unter der Krankheit war.
Die Genesung ist kein Schalter..sie besteht aus langjährigen Schritten zurück ins Leben, es ist ein sehr sehr langer Prozess und noch heute mache ich Dinge die ich jahrelang nicht getan habe zum ersten Mal.
Wie fing es an? Nun ja das ist immer die Frage die alle stellen…bei mir ist ein Konglomerat mehrerer Faktoren würde ich sagen. Andere psychische Erkrankungen in der Familie und ein sehr strenges Kontrollregime, mein sehr schwaches Selbstbewusstsein in der Mittelstufe und am Anfang auch schlichtweg der Gedanke :“mein Bauch ist zu dick“. Zuerst wurden die Süßigkeiten reduziert…es fiel sehr schwer. Dann Teile des Schulbrotes weggeschmissen..habe regelrecht dabei gelitten, weil es doch so lecker war. Aber das Abnehmen, die vermeintliche „Stärke“ spornt an. Ich habe mir Pläne in mein Tagebuch geschrieben, für Workout und Essen eine  Woche lang mit Abhak-Kästchen daneben.Sätze wie :“ DU ABARTIGES FETTES SCHWEIN“ wenn ich es nicht geschafft hab. Immer mehr Essen schmiss ich weg auch wenn es mir sehr schwer fiel aber mein Ziel war mir wichtiger. Ich hielt in der Schule meine Tasche ständig unter dem Tisch mit den Beinen hoch um die Bauchmuskeln anzuspannen, machte drei  Mal am Tag ein Workout zu Hause und rannte jede Strecke, fuhr extra schnell Fahrrad. Wenn ich es nicht schaffte mein Workout pünktlich zu machen, weil z.B. meine Mutter sofort nach der Schule essen wollte, kochte es in mir hoch. Die Panik überfiel mich, ich war wie von Sinnen. Schrie sie an. Natürlich kam irgendwann die Zeit als meine Eltern einschritten. Zuerst ambulante Therapie…ich will lieber etwas von den Gefühlen schildern als von der Rahmengeschichte, das würde den Rahmen sprengen.
Mein ganzer Alltag war fokussiert auf Essen vermeiden..bzw. Kalorien vermeiden. Kein Tag verging ohne Kämpfe in der Küche, Geschrei und und Weinen. Ich hatte die Kontrolle…es war mir wichtig immer schlauer zu sein…hab gelogen und heimlich eine neue Waage gekauft. Habe Essen in diverse Pullis und Hosen gesteckt und Essen im Mund behalten und es auf Toilette in ein Taschentuch gespuckt. Es ging um den kleinsten „Sieg“. Hauptsache meine Eltern besiegen. Und immer wieder diese komische heiße Panik wenn etwas gegen meinen Plan lief und ich essen musste. Die Urlaube waren schrecklich..ich saß mehrmals heulend über meinem Essen im Restaurant weil ich es einfach nicht essen konnte. Ich hab die Familie zerstört, ich bin so scheiße, dumm und krank, hieß es von mehreren Familienmitgliedern. 
!!!Jeder der harmlos mit einer Diät beginnt und dann von der Spirale ergriffen wird, in der Essen plötzlich zum Feind wird und immer weniger erlaubt ist denkt sich am Anfang :“ Wow ich hätte nicht gedacht dass es so gut klappt!Ach quatsch..ich und Magersucht ..nee ich esse so gerne..ich doch nicht! Ich bin nicht mal dünn..alle Anderen sind viel dünner!“  Und wenn einem die Eltern oder Freunde sagen man sei sehr dünn geworden und solle mehr essen :“ Ach was das denkst du nur! Guck doch mein Bauch wie der schwabbelt..ich hab eben schon voll viel unterwegs gegessen ich bin so voll!“ Auch ich bin lange in dieser Abwehrphase gewesen. Wo man jeden der Einen zum Essen zwingen will als Feind und Zerstörer der eigenen Pläne sieht, da man ja so fett sei! Nun bereue ich jeden Tag an dem ich meinen Körper mangelernährt habe und Liter Wasser habe halten lassen, jede Narbe die ich aus diesem  Magerwahn nun trage. Von Brandnarben bis zu Narben wegen Ohnmachtsanfällen.  Meine Periode blieb für 2,5 Jahre aus, ein Zeichen dass euer Körper einfach keine Kraft hätte ein Kind auszutragen und dass der gesamte Hormonstatus aus dem Gleichgewicht ist. Bitte Bitte tut euch das nicht an !!!
Ich war so gefangen in meinen Ängsten zuzunehmen, dass ich mir einen Großteil der Freuden des Lebens und soziale Kontakte verwehrt habe.
Aber ich war auch skrupellos. Nachher in der psychosomatischen Klinik versteckte ich weiterhin Essen, trank bis zu 4 Litern Wasser morgens und kam immer mehr unter Kontrolle. Das Leben war scheiße. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren. Keine 15 Minuten einen Film schauen. Habe wenn möglich Sport gemacht und bin heimlich auf der Terrasse herumgehüpft auf die ich nicht einmal durfte. Musste mich um 4 Uhr wecken um die vielen Wasserflaschen die ich heimlich versteckt hatte in 2 Stunden zu trinken. Jetzt kann sich jeder selbst ausmalen was das für Schmerzen sind und wie unglaublich gefährlich es für den Körper ist. 
 
 
Ich war eingesperrt. Und jeden Tag hatte ich Angst es nicht trotz der Kontrolle zu schaffen das Wasser heranzuschaffen. Dass mein wahres Gewicht auffliegt und ich laut Vertrag dann Bettruhe hätte.(Aktivitäten durfte ich aber eh nicht mitmachen und war im Beobachtungszimmer). Ich durfte am Abend 15 Minuten telefonieren und habe nur geweint..bitterlich…alles war so scheiße. Ich wollte nach Hause, doch jedes Vorhaben am NÄCHSTEN Tag mehr zu essen scheiterte.
Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr. Ich offenbarte mein Gewicht und mir wurde natürlich die Bettruhe und der Rollstuhl verordnet. Ich wurde nach jedem Essen nackt durchsucht und habe Fresubin und ein Psychopharmakum aufgezwungen bekommen. Zudem wurde mir mittgeteilt dass sie keinen Gewichtsverlust von mehr als 200gr mehr tolerieren können sonst würde ich auf die Intensivstation verlegt. 
Ich hatte wirklich nette Mitpatienten dort…doch ich schäme mich sehr für mein Verhalten damals. Ich war einfach nur ein Geist, wie eine Hexe die nur Augen dafür hat sich langsam selbst umzubringen koste es was es wolle. Und seine eigene Mutter zu sehen die beim Anblick des knöchernden Etwas mit leeren Augen, das einmal ihre Tochter war, in Tränen ausbricht ist auch eine Erfahrung die man nicht machen muss. ☹
Nachdem mir einen Tag vorher von 4 Leuten die mich festhielten eine Magensonde gelegt wurde (für mich eine der schlimmsten Erfahrungen), rutschte ich unter die Grenze und kam auf die Kinderintensivstation. Ein großer, piepsender Raum..man kann es nicht Zimmer nennen…und immer im Blick der Schwestern. Ich hatte an dieser Stelle das Glück einen sehr fähigen Oberarzt zu haben (Kinderarzt-nichts mit Psychiater), welcher mir das Erste Mal das Gefühl gab er rede mit mir als einer kranken Person und verurteile mich nicht.

 

Das ist mein ehrlicher und ungeschönter Bericht. Magersucht ist kein Lifestyle und nicht chic. Fortsetzung folgt."

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