Magersucht 2. Teil

Magersucht- stationärer Aufenthalt Teil 2

Nach meinen zwei Monaten Klinik folgten nun also noch zwei Monate Krankenhaus, davon 6 Wochen Intensiv. Es ist wirklich nicht schön auf einer Intensivstation und verkabelt mit EKG und Sättigung zu schlafen…“und das alles hast du dir selbst eingebrockt weil du so eine bescheuerte Angst vor Essen hast- etwas das nicht betroffende Menschen nie nachvollziehen können“ . Du bist deines eigenen Glückes Schmied, iss doch einfach mehr! Tja nur ist dies nicht einfach wenn in deinem Gehirn so Einiges falsch läuft und du panische Angst hast zuzunehmen und wieder „schwach“ zu sein. Ich empfand es nämlich als Stärke andere Fastfood oder Süßigkeiten essen zu sehen, es bereitet einem eine abartige Freude andere zu bekochen.

 

Wie kann es passieren, dass du dort liegst, neben wirklich schwer kranken Kindern die mit Herzfehlern auf die Welt gekommen sind und auch dein Herz immer langsamer wird, deine Nierenwerte immer schlechter…und dir ist es egal? Wie konnte ich so undankbar sein..so rücksichtslos in Bezug auf meinen eigenen Körper? Beim Legen der Zugänge für die intravenöse Ernährung später habe ich Rotz und Wasser geheult und geschrien (ein Wunder dass ich heute Medizin studiere).. habe mir immer wieder ausgerechnet mit wie vielen Kalorien sie mich jetzt VERFETTEN wollen. Doch nach einigen weiteren Auflehnungsversuchen wie Fresubin ausspucken und mit der Spritze selber wieder aus der Magensonde ziehen kam der Arzt zu mir. Es kam immer alles raus..vielleicht waren es Hilferufe dass ich es so schlecht getarnt habe, ich weiß es nicht.

 

„Du bist sehr krank. Da du die Magensonde manipuliert hast muss ich dir jetzt leider einen Zugang legen.“ Hätte ich hier weiterhin rebelliert wäre es zum ZVK gekommen. Ich war am Ende. Und durch die Dauerinfusion auch natürlich 24/7 ans Bett gefesselt. Mein Tag bestand aus Malen, Fresubin (zusätzlich zur IV-Nahrung)trinken und Fernsehen, Fernsehen , Fernsehen. Ich konnte das gesamte Programm auswendig. Irgendwann kam der Punkt als ich es akzeptiert habe dass ich krank bin. Ich bekam auch Besuche von meinen Freunden und war es so Leid dass mein ganzes Leben an mir vorüberzieht. Irgendwann durfte ich mit dem Rollstuhl draußen herumgefahren werden, dann irgendwann 1 Stunde am Tag mit meinem Vater spazieren. Ich habe mich so an dieser Zeit gefreut, auf die kleinen Ziele hingearbeitet. Das große Ziel war natürlich entlassen zu werden. Ich hatte in dieser Zeit KEINE Psychotherapie…alle bisherigen Therapeuten hatten nie etwas an meiner Einstellung geändert. Ich lernte, wie schön es ist wenn ich abends zusätzlich nach zwei Broten mit Schinken fragte und das Leuchten in den Augen der Schwestern sah. Irgendwann wurde ich auf die normale Station verlegt und mein Arzt entschied mir die Chance zu geben zusätzlich zum Fresubin normal zu essen. Nach all dieser Zeit mit Flüssignahrung entdeckte ich vorsichtig meine Liebe zum Essen wieder. Noch sehr sehr eingeschränkt am Anfang. Graubrot mit Putenschinken; Erdbeeren, Joghurt, Kartoffeln, Gemüse. Und ich schaffte es ohne Kontrolle wieder das Krankenhausmittagessen wie z.B. Frühlingsrollen mit Reis zu essen.

Ich wollte einfach raus und wollte z.B. auch wieder Sport machen, wollte keine anti-Thrombosespritzen mehr und weiter in die Schule gehen. (Ich habe übrigens die komplette 10.2. verpasst, Gott sei Dank wars nicht in der Abiphase).

 

Zuhause geht der Kampf gegen die Magersucht weiter

Nun ja mit meinem Entlassungsgewicht war ich noch lange nicht gesund und die folgenden  1,5 Jahre habe ich sehr gekämpft und ein viel zu niedriges Gewicht gehalten. Habe mich noch sehr zurückgezogen und es gab klare Regeln zu Hause. Vor allem im Urlaub fiel es mir sehr schwer und einmal drohte mir meine Mutter an mich wenn ich nach dem Urlaub unter xy Kilo wiegen würde wieder einzuweisen. Doch ich wollte nie nie wieder zurück in die Klinik. Ich hatte in all dieser Zeit noch einmal wöchentlich Psychotherapie und musste das Medikament weiternehmen, was ich überhaupt nicht wollte. (weil ich Angst hatte nicht Ich selbst zu sein und es quasi Zuckersaft war). Ich hatte wirklich noch eine sehr gestörte Haltung zum Essen und musste manchmal bei Streit zwanghaft in alte Muster zurückfallen und Essen wieder ausspucken etc. Es war wie mein Instrument gegen die Kontrolle zuhause.  Desto mehr mich jemand zwingen oder kontrollieren wollte desto leichter stieg diese Panik und Abwehrhaltung in mir hoch.

 

Doch nun zu der Frage wann habe ich es geschafft? Und ein kurzer Denkanstoß.

 

Ich wollte so sehr gesund sein. Und frei. Und unbeschwert Essen nach Lust und Laune. Doch die Jahre der Beschäftigung mit Lebensmitteln und meinem Gewicht ließen es nicht zu. Betroffene kennen es: das Selber-Bescheißen. Man isst ein „verbotenes“ Lebensmittel und hungert dann für dieses Ministück den Rest des Tages so dass man wenigstens ein großes Kaloriendefizit hat.

Die tückische Identifikation mit der Krankheit- Loslassen? Wie nur?

Am schlimmsten waren auch Ankündigungen des Ex-freundes wie: Ach cool mein Bruder hat für uns ein drei-Gänge Menü vorbereitet! In dem Moment schlägt dir das Herz bis zum Hals und du willst nur noch weg und kannst an nichts anderes mehr denken als wiiie um Himmels Willen du das Essen vermeidest. Was glaubt ihr hab ich getan? Eine Lebensmittelunverträglichkeit erfunden. Aber selbst der Salat mit Dressing spukte einige Tage in meinem Kopf und wie ihr seht weiß ich es immer noch ganz genau.

 

Anorexie raubt dir die Entscheidung auf was du dich fokussieren möchtest. Zu genießen und abzuschalten und jeden Bezug zur Realität.

Auch wenn du sehnsüchtigst gesund sein möchtest kannst du die Krankheit nicht loslassen, denn sie ist über die Jahre zu deinem Gerüst geworden. Das dich stützt und an dem du dich langhangelst wenn dir wieder mal alles über den Kopf wächst. Du bist der Bauherr in diesem Spiel und baust das Gerüst immer höher bis es deine Persönlichkeit überschattet. Es nimmt dich ein denn mit ihm fühlst du dich stark, definierst dich darüber. Wer bin ich denn noch ohne dieses Gerüst? Ich habe nichts in meinem Leben was mich so befriedigt wie die Magersucht, was mir eine Beschäftigung gibt die mich erfüllt. Ich kann nicht wieder „normal“ und fett sein, ich würde mich umbringen.

An diesem Punkt musste ich nachdenken wie genau ich es gedacht habe im Gespräch mit der Therapeutin, da es mir schon unglaublich schwer nachzuvollziehen fällt.

Das Ziel ist etwas Anderes zu finden, und nein keinen Leistungssport dem man dann fanatisch nachgeht und sich darin zerstört, Sportsucht gibt es nämlich auch!

Etwas das einen erfüllt und einem Emotionen schenkt. Puh, das ist die ganz große Aufgabe!

 

Der Weg zur Besserung- der Magersucht entkommen

Wirklich gesund wurde ich erst nachdem ich keine Therapie mehr hatte, kein Medikament mehr nahm. Ich hatte Angst um meine Intelligenz, da sich im MRT auffällige Befunde zeigten. Ich fühlte mich schwach und kindlich bei Vorstellungsgesprächen für ein duales Studium zur Führungskraft und habe diese trotz 1,0 Abi auch nicht bekommen. Ich wollte nicht unfruchtbar sein, da ich Babys liebe. Ich nahm zu..mit hauptsächlich eiweißreicher Nahrung  und merkte wie ich leistungsfähiger wurde. Ich machte die Erfahrung die mir alle prophezeit hatten, dass sobald man mit dem Gewicht wieder hochgeht (Und ich habe tonnenweise gegessen um das zu erreichen, da der Körper primär erstmal die ganzen Organfunktionen, den Stoffwechsel und das Blutbild aufbessert), man wieder rationaler denkt. Die Körperschemastörung bildet sich zurück und ich stellte fest dass ich es aushalten kann. Ja für mich waren mit 42 Kilo 46 unvorstellbar- und ein gesunder BMI sowieso.

 

 

Doch, ich lernte meine neue Weiblichkeit zu lieben und war froh nicht mehr überall Hämatome von meinen Knochen beim Schlafen zu haben und wieder bequem sitzen zu können. Letztendlich tastete ich mich Stück für Stück an Lebensmittel die mir Angst machten heran, zählte keine Kalorien und schraubte den Sport zurück und merkte wie gut es mir damit ging. Heute kann mich kein blöder Kommentar oder Bauchpiekser  jemals wieder zum Hungern bewegen!

Be strong! Du musst jeden Tag kämpfen für ein freies Leben und Genuss

Falls DU das jetzt liest und dich angesprochen fühlst : Merke dir, es gibt keine Zukunft mit Magersucht. Es wird immer ein trostloses, gefangenes, zwanghaftes Von-Tag-zu-Tag Überleben bleiben, wenn du nicht anfängst dich zu trauen! Du selber musst den Mut haben Schritte in die richtige Richtung zu wagen und es auszuhalten. Wenn du eine Karriere willst, eine funktionierende Familie dann verdammt nochmal nutze deine Disziplin die du hast um dich aus diesem Loch nun wieder herauszugraben! Denn draußen wartet die Sonne und sie bringt dir nichts wenn du dich langsam zerstörst und nur mit dir befasst bist.

Willst du als Frührentnerin mit brüchigen Knochen enden, nicht fähig zu arbeiten aber GEIL du hast dein Leben lang nur 40 Kilo gewogen? Glückwunsch, echt erstrebenswert…

 

 

Das Glück liegt in der Ausgewogenheit, dem Maß aus Entspannung und Aktivität. Und Essen ist eine grundlegende Freude und Wohltat die DU verdienst!

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